BITTERE MEDIZIN SÜSS VERPACKT

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Gesundheit ist wichtig. Gesundheit ist das Eichmaß der Zivilisation. Gesundheit wird häufig von uns selbst boykottiert.
Jährlich gehen viele Milliarden Euro im Gesundheitssystem verloren, weil zusätzliche Behandlungen durchgeführt werden müssen, die bei ordnungsgemäßer Medikation vermieden werden könnten. Laut WHO ist das Nichtbefolgen ärztlicher Anweisungen zur Medikamenteneinnahme in allen entwickelten Ländern das größte Gesundheitsproblem.

Das größte Gesundheitsproblem der westlichen Welt ist auch ein finanzielles. Allein in Deutschland werden jedes Jahr knapp 10 Milliarden Euro zusätzlich benötigt, um Folgebehandlungen durchzuführen. Die Fachbezeichnung hierfür lautet „Adherence“ beziehungsweise „Non-Adherence“, also die Nicht-Einhaltung der ärztlichen Vorgabe. Diese wird von fast der Hälfte aller chronisch Kranken nicht beachtet.  Für den ein oder anderen klingt das nicht besonders tragisch, aber wenn man Fälle berücksichtigt bei denen Menschen ein neues Organ erhalten und dann ein zweites benötigen, nur weil sie zu früh eigenmächtig ihre Medikamente absetzen, dann wird klar welche Tragweite dieses Problem hat. Das ist insbesondere für andere Patienten ungerecht.

Der Non-Adherence kann mit einer finanziellen Motivation entgegen gewirkt werden. Der Arzt bringt den Patienten mit Geld dazu, dass er seine Medikation nicht vorzeitig abbricht. Denkbar ist auch ein Gutscheinprinzip, bei dem der Patient mit Kostenerstattung für Fahrscheine oder mit Gutscheinen für Kino oder Supermarkt belohnt wird. Das ist eine unkonventionelle Herangehensweise und sie scheint zu funktionieren. Das sagen Dr. Werner Kissling aus München und seine Kollegen und berufen sich auf internationale Forschungspapiere zu diesem Thema. Wie sich das allerdings auf die Arzt-Patienten-Beziehung auswirkt ist noch nicht bekannt.

Wie soll so ein Anreizsystem finanziert werden?

Kritik findet sich schnell und auch umfangreich bei anderen Experten, wie beispielsweise von Frau Dr. Michaela Stiegler aus München. Sie ist Ärztin an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Technischen Universität München. Sie stellt die Frage, wie das Anreizsystem finanziert wird und für welche Krankheiten es gelten soll. Kann man sich dann den Arzt nach der Höhe der finanziellen Zuwendung aussuchen?

Es gibt Fachärzte die es grundsätzlich ablehnen, Geld an Patienten zu zahlen. Es ist unklar, wie die Finanzierung gestaltet werden soll und es ist unfair denjenigen Patienten gegenüber, die auch ohne diesen Anreiz ihre Medikation vollständig durchführen. Warum soll jemanden belohnt werden, der bis zu diesem Zeitpunkt nicht bereit war seine Medikamente über die gesamte Behandlungsdauer einzunehmen? Wie soll man dann überhaupt noch freiwillig motivierte und finanziell motivierte Patienten auseinanderhalten können?
Viele Patienten setzten ihren „Pillencocktail“ aufgrund sehr starker Nebenwirkungen so schnell wie möglich ab. Es geht ihnen ohne die Medikamente schlecht, aber noch lang nicht so schlecht wie mit ihnen. Jeder der schon einmal eine riskante oder langwierige Behandlung hinter sich gebracht hat, wird das verstehen können.

Wenn der Patient bei der Diagnose und der Behandlung mehr einbezogen wird und er verstehen kann was der Arzt mit ihm vor hat, so kann auch eine bessere Mitarbeit vom Patienten erwartet werden. Dies würde automatisch mehr Zeit für Patientengespräche und Diagnosen bedeuten. Daraus folgen höhere Kosten durch mehr Ärzte und zeitaufwändigere Behandlungen. Wenn das allerdings eine erhöhte „Folgsamkeit“ bei Medikation und Therapie als Folge hat, sinken dadurch auch die Kosten des Gesundheitswesens.

 

Titelbild: Medizin – Son Mist by Tekke (CC BY-ND 2.0)

 

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